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Perry Rhodan
Die Farben einer vergangenen Zukunft

 

Siehe auch

Ein Blick auf die Perry Rhodan-Comics
(Teil1)

Von Michael Thiesen

Ein Raumschiff zieht seine Bahn durch das grenzenlose All. Doch dieser Weltraum ist kein schwarzer Abgrund. Farbenprächtige Spiralen durchwirbeln ihn, unterbrochen von bunten Schlieren, und aus den Raumschifftriebwerken züngeln verspielt knallige Protuberanzen. Das Raumschiff ist die neue CREST auf ihrem Weg zum Zentrum aller Universen. An Bord der stählernen Kugel befindet sich Perry Rhodan mit seiner Geliebten Auris, seinem alten Freund Bully, dem draufgängerischen Indianer Don Redhorse, dem zweiköpfigen Mutanten Iwan-Iwanowitsch Goratschin, dem quirligen Mausbiber Gucky und der hübschen Mutantin Shira.


 
 
Abbildung 1 Abbildung aus
Perry / II. Zyklus Band 6
 
Nachdem sein altes Raumschiff bei einer Auseinandersetzung mit dem Supermutanten Ribald Corello vernichtet worden ist, hat Perry nun die »neue CREST« übernommen, das größte Raumschiff, das es je gab und das durch sein neuartiges Pseudoraum-Flugprojektion-Antriebssystem sogar in ein anderes Universum projiziert werden kann. Gleich beim Testflug sind Perry und seine Freunde in ein fremdes Weltall gelangt und dort einem monströsen Echsenwesen begegnet, das mit seinen drei Köpfen und den ledrigen Schwingen direkt aus einem einschlägigen japanischen Monsterfilm entflogen sein könnte. Den Raumfahrern gelang jedoch die Flucht in einen Pseudoraum, in dem die Universen als »quallenähnliche Gebilde« umherschwimmen, und Perry beschloß nach diesem Erlebnis, zum »Zentrum der Universen« aufzubrechen, um »den Ursprung allen Seins« zu suchen.
   All das gehört zum Inhalt der 129 Ausgaben umfassenden Comic-Serie »Perry – Unser Mann im All«, die in den späten Sechziger und frühen Siebziger Jahren im Moewig-Verlag erschienen ist und seit April 1992 im Hansjoachim Bernt Verlag einen Reprint im repräsentativen Alben-Format erlebt. Dabei umfaßt ein Album jeweils zwei der ursprünglichen Comic-Hefte.
   Die zweiunddreißig Seiten starken, farbigen Großbände, die den Erfolg der Romanserie »Perry Rhodan« auf den Comicsektor ausdehnen sollten, waren 1968 mit einer Auflage von 90.000 Exemplaren und vierzehntägigem Erscheinungsrhythmus gestartet worden. Zunächst blieben die von den Perry Rhodan-Autoren William Voltz und Hans Kneifel getexteten Geschichten noch eng an den Vorlagen der Romanhefte, aber schon mit Heft 8 wurde die chronologische Reihung aufgegeben, und auch die Inhalte entfernten sich immer mehr von denen der entsprechenden Heftromane.

Abbildung 2 Abbildung aus
Perry / I. Zyklus Band 7
 

Schon nach etwa fünfundzwanzig Bänden machten die Verkaufszahlen deutlich, daß das Konzept nicht wie erwartet aufging, und der Moewig-Verlag stellte die Reihe von vierzehntägigem auf vierwöchentliches Erscheinen um. 1970 startete die Chefredaktion unter Lutz Kurowski dann einen neuen Anlauf. Man setzte auf eine jüngere Generation und engagierte als Texter den 1947 geborenen Bernt Kling, der bereits in der verlagseigenen SF-Reihe »Terra-Nova« SF-Romane publiziert hatte.
   Nach zehn Heften übernahm auf Vermittlung von William Voltz schließlich der zwei Jahre ältere Dirk Hess die Ausarbeitung der Szenarien. Hess hatte zu dieser Zeit bereits ein paar »Atlan«-Romane geschrieben, besaß aber vor allem durch seine Tätigkeit für die Comic-Reihen des Bastei-Verlages umfassende Erfahrungen mit dem Genre und seiner typischen Erzählweise. Hess bewährte sich und blieb bis zur Einstellung der Serie alleiniger Texter der Perry-Comics. Es waren aber nicht so sehr die Geschichten selbst, die das Erscheinen des 37. Bandes der Perry-Serie zu einem tiefen Einschnitt machten. Es waren die Zeichnungen, die dem Betrachter durch ihre Farbenpracht und vor allem durch ihre Dynamik ins Auge sprangen. Sie entstammten dem Atelier des damals sechsundvierzigjährigen Italieners Arberto Giolitti, der in Buenos Aires und New York gearbeitet und 1960 sein Studio in Rom gegründet hatte. Die jungen Zeichner des Studio Giolitti orientierten sich deutlich an den amerikanischen Superhelden-Comics und zwangen die verdutzten Perry-Käufer zu neuen Seherfahrungen. Der erfolgreiche Pop-Art-Stil des Studio Giolitti verhalf der Serie ab Band 72 wieder zu zweiwöchentlichem Erscheinen. An die Stelle der traditionellen, nüchternen Zeichnungen der frühen Perry-Ausgaben war ein grellbuntes Farben- und Formenmeer mit bizarren Lebensformen getreten. Das konservative Panel-Layout lockerte sich mehr und mehr, wurde in einigen Heften sogar vollständig aufgegeben. Zeichnungselemente durchbrachen den starren Bildrahmen, und einzelne Bilder verschmolzen zu komplexen Einheiten.

Abbildung 3 Abbildung aus
Perry / II. Zyklus Band 8


Den neuen Inhalten gemäß, enthielten die Zeichnungen zunehmend Elemente der Fantasy- und Horror-Comics. Schon Perry-Heft 38 zeigte, daß hier unbekümmerte Italiener am Werk waren, die noch keine schlechten Erfahrungen mit einer Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften gemacht hatten:
   Mit bluttriefenden Schnäbeln schwenken Invasoren aus einem anderen Universum, die vogelköpfigen Millies, abgerissene Menschenköpfe herum. Chef des Perry-Teams war Starzeichner Giorgio Gambiotti. Schon bei flüchtigem Hinsehen wird deutlich, daß Gambiottis Truppe aus vielen Quellen geschöpft hat. Figuren und ganze Bildmotive wurden Arbeiten des amerikanischen Illustrators Frank Franzetta ebenso entlehnt wie Sydney Jordans Uraltserie »Jeff Hawke« oder Paul Cuveliers antikisierendem Epos »Epoxy«. Die beiden Köpfe des Mutanten Iwan-Iwanowitsch Goratschin erinnern fatal an Jack Kirbys Silver Surver, und selbst Fantastic-Four-Mitglied Ben Grimm alias das Ding wurde in Perry nebenberuflich tätig. Die italienischen Zeichner griffen auf Figuren ihres Landsmannes Hugo Pratt genauso zurück wie auf Motive des Spaniers Esteban Maroto, der in seinen phantastisch-romantischen Comics die klassische Paneltrennung ebenfalls aufgehoben hatte. Selbst bei dem französischen Erotik-Spezialisten George Pichard bediente man sich. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Unter den in Deutschland über den Zeitschriftenhandel vertriebenen Comics stellte dies alles allerdings eine Revolution dar und schien ein originäres Novum zu sein.

Zum zweiten Teil

 
 
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